Globale Handelsspannungen und Zinspolitik: Europa und Asien als Gewinner?

Während US-Strafzölle die weltweiten Handelsbeziehungen belasten, verlagern Investoren ihr Kapital zunehmend nach Europa und Asien. Der DAX verzeichnet bemerkenswerte Zuwächse.

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Kurz zusammengefasst:
  • Neue US-Zollpolitik belastet globale Wirtschaftsbeziehungen
  • Kapitalverschiebung von Amerika nach Europa
  • Historische Änderungen in deutscher Haushaltspolitik
  • Zentralbanken navigieren durch unsichere Gewässer

Die weltweiten Finanzmärkte durchleben eine Phase der Transformation, während die USA unter Präsident Trump im März 2025 einen immer aggressiveren handelspolitischen Kurs einschlagen. Die angekündigte Einführung von Vergeltungszöllen ab 2. April hat an den internationalen Börsen zu deutlichen Verschiebungen geführt und könnte weitreichende Konsequenzen für die globale Wirtschaft haben.

Trumps Zollpolitik verstärkt Handelsspannungen

Die jüngsten Ankündigungen des US-Präsidenten zur Umsetzung von „reziproken und sektoralen Zöllen“ ab Anfang April haben die internationalen Handelsbeziehungen stark belastet. Trump bekräftigte auf seinem Flug mit der Air Force One, dass keine Ausnahmen für Stahl- und Aluminiumzölle vorgesehen sind. Diese Maßnahmen zielen insbesondere auf Handelspartner wie China, Indien und die Europäische Union ab.

Besonders brisant: Nachdem die EU als Reaktion auf amerikanische Stahl- und Aluminiumzölle ihrerseits Vergeltungsmaßnahmen angekündigt hatte, drohte Trump mit drastischen 200-Prozent-Zöllen auf europäische Wein- und Spirituosenexporte. Finanzexperten sehen darin die Gefahr einer sich weiter verschärfenden Handelsspirale.

„Der Handelskonflikt zwischen den USA und der EU gefährdet transatlantische Geschäfte im Wert von 9,5 Billionen Dollar jährlich“, warnt die Amerikanische Handelskammer zur EU (AmCham EU) in ihrem aktuellen Bericht zur transatlantischen Wirtschaft. Die Organisation, zu deren mehr als 160 Mitgliedern Unternehmen wie Apple, ExxonMobil und Visa zählen, betont, dass der bilaterale Handel von Waren und Dienstleistungen 2024 die Rekordmarke von 2 Billionen Dollar erreicht hat.

Marktverschiebung: Europa und China profitieren

Bemerkenswert ist die deutliche Verlagerung von Kapital aus US-amerikanischen Aktien in europäische und chinesische Wertpapiere. „Investoren haben den Glauben an die US-Exzeptionalität verloren und suchen nach Alternativen in europäischen und chinesischen Märkten“, analysieren Experten die aktuelle Entwicklung.

Der pan-europäische STOXX 600 konnte seit Jahresbeginn über 7% zulegen, während der deutsche DAX sogar mehr als 15% gewonnen hat. Im Gegensatz dazu verzeichnet der S&P 500 einen Rückgang von 4%. Die europäischen Futures deuten auch für die kommenden Wochen auf eine Fortsetzung dieses positiven Trends hin.

Ein entscheidender Faktor für das wachsende Vertrauen in europäische Märkte ist der historische Durchbruch bei der deutschen Haushaltspolitik. Der künftige Bundeskanzler Friedrich Merz hat mit den Grünen eine Einigung über eine drastische Erhöhung der staatlichen Kreditaufnahme zur Finanzierung von Verteidigung und Infrastrukturinvestitionen erzielt. Der parlamentarische Haushaltsausschuss genehmigte am vergangenen Sonntag Pläne für einen 500-Milliarden-Euro-Fonds (540 Milliarden Dollar) für Infrastruktur und Änderungen der Kreditregeln.

Zinsentscheidungen unter dem Einfluss globaler Unsicherheit

Die Zentralbanken weltweit stehen unter dem Einfluss der wachsenden handelspolitischen Spannungen. Die Bank of England wird ihre Zinssitzung am kommenden Donnerstag abhalten, wobei alle 61 von Reuters befragten Ökonomen erwarten, dass der Leitzins bei 4,5% belassen wird. Die nächste Zinssenkung wird für Mai erwartet, gefolgt von weiteren Reduzierungen im August und November.

„Globale Entwicklungen rund um Zölle und Verteidigungsausgaben haben gemischte Auswirkungen. Wir vermuten, dass die Bank of England keine voreiligen Schlüsse ziehen möchte, was all dies für die britische Wirtschaft bedeutet, da es noch keine konkreten Nachrichten gibt“, erklärt Elizabeth Martins, leitende Ökonomin für Großbritannien bei HSBC.

Im Gegensatz zur Europäischen Zentralbank, die Anfang des Monats zum sechsten Mal seit Juni die Kreditkosten senkte, ist die Bank of England seit einer ersten Zinssenkung im vergangenen August nur vorsichtig vorangegangen. Die Daten der vergangenen Woche zeigten, dass die britische Wirtschaft im Januar unerwartet geschrumpft ist, während gleichzeitig die öffentlichen Erwartungen für die kurz- und langfristige Inflation deutlich gestiegen sind.

Asiatische Märkte zwischen Inflationssorgen und AI-Boom

In Asien zeigt sich ein differenziertes Bild. Die taiwanesische Zentralbank wird laut einer Reuters-Umfrage unter 33 Ökonomen ihren Leitzins bei 2% belassen und diese Position voraussichtlich bis zum ersten Quartal 2026 beibehalten. Grund sind Bedenken hinsichtlich der Inflation und die Unsicherheiten durch die amerikanischen Zolldrohungen.

„Obwohl künftige Strompreiserhöhungen die Inflation anheizen könnten, werden Unsicherheiten in den externen Märkten, insbesondere US-Zölle, die Zentralbank voraussichtlich vorsichtig bleiben lassen“, erklärt Oxford Economics zur Situation in Taiwan.

Die technologiezentrierte, exportabhängige Wirtschaft Taiwans profitiert derzeit vom Boom der Künstlichen Intelligenz (KI), der die Nachfrage nach Produkten von Unternehmen wie TSMC, dem weltgrößten Auftragschiphersteller, antreibt. Die Wirtschaft dürfte in diesem Jahr aufgrund des KI-Booms um mehr als 3% wachsen, allerdings langsamer als im Vorjahr mit 4,59%.

In Indien steigt unterdessen die Großhandelsinflation im Februar auf 2,38% im Jahresvergleich, nach 2,31% im Januar. Dies ist vor allem auf höhere Preise für bestimmte Obst- und Gemüsesorten zurückzuführen. Die Großhandelspreise für Lebensmittel stiegen im Februar um 5,94%, nach einem Anstieg von 7,47% im Januar.

Großbritanniens Finanzpolitik unter Druck

Die britischen Staatsfinanzen, belastet durch wachsende Schulden und schwaches Wirtschaftswachstum, stehen vor einem entscheidenden Test. Finanzministerin Rachel Reeves wird am 26. März ein Update zu den öffentlichen Finanzen vorlegen, basierend auf einer Bewertung des Office for Budget Responsibility, der britischen Haushaltsbehörde.

Reeves betont die Unverhandelbarkeit ihrer Haushaltsregeln, die darauf abzielen, die laufenden Ausgaben mit den Einnahmen in Einklang zu bringen und die Nettofinanzverbindlichkeiten des öffentlichen Sektors als Anteil an der Wirtschaft in den kommenden Jahren zu reduzieren. Anleger befürchten jedoch, dass Großbritannien in eine schmerzhafte Falle geraten könnte, in der die Durchsetzung dieser Regeln durch Ausgabenkürzungen oder höhere Steuern die für langfristiges Wachstum notwendigen Investitionen beeinträchtigt.

„Eine große Frage für viele Länder ist, wie man seine Wirtschaft in einem Maße wachsen lässt, dass man sein Schuldenprofil reduzieren kann. Großbritannien steht bei diesem Thema sicherlich an vorderster Front“, sagt Kamal Sharma, Stratege bei der Bank of America.

Ausblick: Zwischen Handelskrieg und Wachstumschancen

Trotz der akuten Handelsspannungen sehen Experten Lichtblicke für die europäische und asiatische Wirtschaft. Die Vereinbarung in Deutschland zur Lockerung der Staatsausgaben könnte einen wichtigen Impuls für das Wachstum in Europa geben. Carsten Brzeski, Global Head of Macro bei ING, erwartet „einen zusätzlichen Wachstumsschub von vielleicht 0,5 Prozentpunkten in Deutschland in diesem Jahr. Für die Eurozone würde dies kleine Aufwärtskorrekturen von 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten bedeuten.“

In China zeigen die offiziellen Daten vom Montag, dass das Wachstum der Einzelhandelsumsätze in den Monaten Januar-Februar beschleunigt wurde – ein willkommenes Zeichen für politische Entscheidungsträger, auch wenn die Arbeitslosigkeit gestiegen und die Fabrikproduktion nachgelassen hat. Der Staatsrat stellte einen „speziellen Aktionsplan“ zur Ankurbelung des Binnenkonsums vor, der Maßnahmen zur Steigerung des Einkommens der Bevölkerung und zur Einrichtung eines Kinderbetreuungszuschusssystems umfasst.

Die kommende Woche verspricht mit zahlreichen Zentralbank-Entscheidungen, darunter der Federal Reserve, turbulent zu werden. Die Fed wird voraussichtlich die Zinsen unverändert lassen, doch Händler werden auf Hinweise zu weiteren Zinssenkungen achten, die die Märkte beruhigen könnten.

Zusätzlich kündigte Trump an, am Dienstag mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin zu sprechen und über die Beendigung des Krieges in der Ukraine zu diskutieren – ein weiterer geopolitischer Faktor, der die Märkte in den kommenden Wochen beeinflussen könnte.